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Wölfe in der Heide: Rotkäppchen hat gelogen!

01/2014 - Organisator Hans Scheele vom FORUM freute sich über die gute Resonanz. Über 100 Gäste kamen ins Rosmarin & Thymian, als Dr. Britta Habbe bereits zum dritten Mal in Bomlitz als Niedersächsische Wolfsbeauftragte über Familie Isegrim in der Heide berichtete. 2012 war die Sensation ein einzelner Wolf, 2013 ein Wolfspaar mit Welpen. 2014 kann Dr. Habbe von zwei heimischen Rudeln berichten. Sachinformationen sind da wichtig, um Gerüchte zu verhindern. Und Dr. Habbe informierte wie immer ausgezeichnet. Von der Veranstaltung berichtet Carmen Splitt von www.tierparkinfo.de .

"Wie gehen wir damit um, dass ein einheimisches Raubtier sich sein Revier zurückerobert?

Begrüßen wir es mit offenen Armen oder fühlen wir uns dadurch bedroht? Was erwartet uns eigentlich, oder besser gesagt, was ist bereits eingetreten und was hält die Zukunft für uns bereit? Diese und andere Fragen, haben Menschen mit verschiedenen Einstellungen und Interessen am heutigen Abend in die Gemeinde Bomlitz, im Herzen der Lüneburger Heide geführt. Rede und Antwort steht Ihnen Frau Dr. Britta Habbe. Sie ist die Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft Niedersachsen, die im Bundesland Niedersachsen das Wolf-Monitoring inne hat. 

In ihrem gut einstündigem Vortrag mit anschließender Möglichkeit, weitere Fragen zu stellen, spannt Dr. Habbe den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart und wagt einen Blick in die Zukunft. Ihr ist bewusst, dass die Meinungen zum Thema Wolf durchaus unterschiedlich ausfallen. „Wenn Sie dafür sorgen wollen oder wenn sie versuchen wollen, dass diese Tierart hierher zurückkommen kann, dann muss man einfach wissen, was die Leute zum Thema Wolf sagen und wie die Einstellungen sind. Sie müssen herausfinden, wie die Meinungen sind und wie man gemeinsam das Projekt angehen kann, um dann letztendlich ein gutes Auskommen für alle zu finden!“ Dr. Habbes persönliches Anliegen ist dabei, sachliche Informationen zur Verfügung zu stellen, Gerüchte zu widerlegen und Irrtümer richtigzustellen. „Es ist verständlich, dass dort, wo Wölfe zurückkehren, die Menschen verunsichert sind, da sie nichts mehr über dieses Wildtier wissen.“ Uns erwarten einige interessante Fakten. 

In Niedersachsen gelten drei Rudel und sieben Einzelnachweise als gesichert. Es gibt Hinweise auf weitere Wölfe, doch konnte bisher nicht ermittelt werden, ob diese sich bereits ansiedeln oder die entsprechenden Gebiete nur durchwandern. Denn mit Beginn der Geschlechtsreife im zweiten Lebensjahr, verlassen Wölfe ihre Elterntiere und suchen sich eigene Territorien und Partner. So bleibt die Wolfsdichte, die Anzahl der Wölfe pro Territorium, konstant, auch wenn die Gesamtzahl der Wölfe in Deutschland steigt. Es ist die Fläche, auf der sich die Wölfe verteilen, die sich vergrößert. 

Die Paarungszeit der Wölfe liegt zwischen Januar und März, der Wurf, der im Schnitt ca. sechs Tiere umfasst, kommt im April/Mai zur Welt. Auch im Wendland, in Munster und in Bergen gibt es Wolfsnachwuchs. 

Im Jahre 2011 konnte auf dem Truppenübungsplatz Munster ein einzelner Wolf nachgewiesen werden, der sich in diesem Gebiet angesiedelt hatte, eine Fähe. Ein Wolfsrüde fand den Weg zu ihr und 2012 kamen die erster drei Welpen auf dem Truppenübungsplatz zur Welt. Das damalige Nachweisvideo sorgte für Aufsehen, denn es zeigte den ersten Wolfsnachwuchs in Niedersachsen seit über 100 Jahren. In 2012 gab es auch erste gesicherte Nachweise (Foto- und Filmmaterial) von zwei Wölfen auf dem Truppenübungsplatz Bergen. 

Ebenfalls in 2012 gab es Einzelnachweise von Wölfen im Wendland und gleichfalls in der Region von Cuxhaven. „Im Fall von Cuxhaven würde man ja vielleicht sagen, dass sie nicht unbedingt so wolfstypisch ist.“ 

In 2013 gab es einen zweiten Wurf auf dem Munsteraner Truppenübungsplatz, diesmal waren es sogar sieben Welpen. Auch auf dem Truppenübungsplatz in Bergen gab es einen ersten Wurf, mit vier Wolfswelpen. 

Das Territorium eines Wolfsrudels umfasst in Deutschland 20.000 bis 30.000 Hektar, je nach Beuteangebot. Ein Rudel besteht dabei aus dem Elternpaar, den noch nicht geschlechtsreifen Jährlingen und dem jeweils aktuellem Wurf neugeborener Wölfe. Ein Wolfrudel in Deutschland besteht aus durchschnittlich acht Tieren. 

Drei Fragen sind es, die die Zuhörer von Dr. Habbe besonders beschäftigen.

 

1. Was passiert, wenn Wölfe und Menschen aufeinander treffen? 

Der Videomitschnitt eines Jägers zeigt, dass der Wolf nicht gerade ein „hochflüchtiges Tier“ ist. Er sieht den Menschen nicht als unmittelbare Bedrohung an. Doch er sieht in ihm auch keine potenzielle Beute. Er verhält sich ihm gegenüber vorsichtig-interessiert, meidet jedoch möglichst den direkten Kontakt.

 

2. Was passiert, wenn Wölfe und Haus- oder Nutztiere aufeinander treffen?

Befindet sich das Haus- oder Nutztier in der Gesellschaft des Menschen, ist es sicher. Entfernt es sich vom Menschen, hängt die Reaktion des Wolfs von den äußeren Umständen ab.

Hunde können z. B. sowohl als potenzielle Partner, als auch als Nahrungskonkurrenten wahrgenommen werden. Rinder und Pferde sind, besonders, wenn sie abseits gehalten und nicht ausreichend abgezäunt werden, mögliche Beutetiere. Allerdings kommen Übergriffe in Europa auf sie bisher extrem selten vor. Der Wolf wägt als Wildtier ab, ob die Chance auf ein relativ großes Beutetier, das Risiko einer möglichen Verletzung wert ist. Diejenigen Nutztiere, die der Wolf am „häufigsten“ reißt, sind Ziegen und Schafe. Wobei der Begriff „häufig“ hier vorsichtig zu gebrauchen ist. Nur ca. 50 % der gemeldeten Tierrisse durch Wölfe sind tatsächlich nachweislich einem Wolf zugeordnet worden. In den anderen Fällen wurde entweder nachgewiesen, dass es Hunde waren, die die Tiere töteten oder es konnte nicht eindeutig festgestellt werden, ob sie von Wolf oder Hund gerissen wurden. 

Lediglich 0,6 % der Beutetiere wird von Nutztieren gestellt. Und dieser Prozentsatz kann noch weiter gesenkt werden, wenn die richtigen Schutzmaßnahmen getroffen werden. Das hat dann den angenehmen Zusatzeffekt, dass die Bestände gleichzeitig auch vor dem Riss durch Hunde geschützt werden. Bereits jetzt besteht die Nahrung der Wölfe zu 94 % aus Schalenwild (Rehwild, Rotwild, Damwild, Schwarzwild). Wobei wir beim dritten Fragenschwerpunkt des Abends sind.

 

3. Welche Auswirkung hat die Rückkehr des Wolfes für Jäger?

In anderen Bundesländern, als Beispiel wurde Sachsen, mit der längsten Wolfserfahrung in Deutschland genannt, sind die Reviere, in denen der Wolf ein Territorium bezogen hat, alle verpachtet. Die Pächter sehen es als etwas ganz Besonderes an, dass auch Wölfe durch ihr Pachtrevier streifen. Sie hoffen, einmal einem Wolf in freier Natur begegnen zu können. 

Es sei jedoch auch erwähnt, dass von den Anwesenden die Frage aufgeworfen wurde, ob es nicht immerhin möglich sei, dass durch eine wachsende Wolfspopulation, der eine oder andere Jäger seine Pacht aufgeben könnte. Nach Meinung von Dr. Habbe liegt dies im Bereich des Möglichen. Aufgrund der andernorts gewonnenen Erfahrungswerte geht sie jedoch davon aus, dass es bei der flächendeckenden Verpachtung von Jagdrevieren auch zukünftig keine Probleme geben wird. 

Noch ein zweiter Punkt wird bei dieser Gelegenheit geklärt und anhand von Fotoaufnahmen und Videomitschnitten von Fotofallen erläutert. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass Wild durch die Anwesenheit von Wölfen auch nicht in ein anderes Revier abwandert. Ausgelegte Wolfslosung und Wolfsurin sind zwar interessant, das Wild sichert durchaus, doch es flüchtet nicht in wilder Panik. Das Wild scheut sich nicht einmal, sich zeitnah nach den Wölfen an den Lieblingsplätzen der Wölfe aufzuhalten. 

Dies seien lediglich Momentaufnahmen, erläutert Dr. Habbe, eine gewisse Tendenz lasse sich aber erkennen. Es sei zwar möglich, dass das Wild durch die Anwesenheit von Wölfen, sich im Verhalten anpasst, eventuell auch neue Plätze im Revier bevorzugen würde oder bekannte Plätze nun zu anderen Zeiten, das Revier komplett verlassen werde es wohl aber nicht.

 

„Mythos, Geschichten und Märchen sind spannend, doch man muss sie zur Seite schieben, wenn man über das Wildtier Wolf redet.“ 

Da kann man Dr. Habbe nur zustimmen. Es war ein informativer Abend für alle Wolf-Interessierten. Hoffen wir, dass der Verein FORUM Bomlitz e.V. auch im nächsten Jahr wieder eine Einladung an Fr. Dr. Habbe ausspricht. Denn eins steht fest, es wird sicherlich Neues zum Thema Wölfe in Niedersachsen zu berichten geben!" 

Carmen Splitt, www.tierparkinfo.de, 30.01.2014

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