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Wie viele Zentimeter bleiben noch im Leben?

09/2016 - Was ist wirklich wichtig im Leben? Sabine Marthiensen wurde mit dieser Frage konfrontiert und zog die Konsequenzen, denn: Statistisch blieben ihr damals noch 29 Lebensjahre, und auf einem Maßband zeigte man ihr, wie kurz diese Restzeit ist. Sie zog sich aus ihrem bisherigen Berufsleben und startete eine Wanderung quer durch Deutschland auf der Suche nach Besinnung. Station machte sie dabei auch in Bomlitz. Beim FORUM Bomlitz erzählte die Autorin von ihrem Weg und ihren Erfahrungen, die sie dabei sammelte.

Walsroder Zeitung vom 27.09.2016: Eine Reise, die das eigene Leben stark verändert. Sabine Marthiensen stellt ihr Buch „Nur 29 cm“ beim Forum-Verein in Bomlitz vor. 650 Kilometer zu Fuß durch Deutschland.

"Nur 29 cm" – so heißt das Buch von Sabine Marthiensen ,das sie beim Forum Bomlitz vorgestellt hat. Bevor Marthiensen anfängt zu erzählen und zu lesen, tuscheln einige Zuhörer aufgeregt und versuchen herauszufinden, was es wohl mit den "29 Zentimetern" auf sich hat. Als die Autorin dann ein Maßband auf den Tisch legt, werden die Vermutungen immer wilder. Schließlich setzt sich die gebürtige Lübeckerin an den kleinen Holztisch im Dorfgemeinschaftshaus und löst das Rätsel auf. Ihr Vortrag wird die Zuhörer in den nächsten anderthalb Stunden mitnehmen. Mal sind ihre Geschichten zum Schmunzeln, mal stimmen sie jedoch auch nachdenklich.

"Alles begann mit einem Seminar", fängt Sabine Marthiensen an zu erzählen. Der Leiter habe allen Teilnehmern ein Maßband aus Papier auf die Stühle gelegt. Die 100 Zentimeter, die darauf abgedruckt waren, sollten 100 Lebensjahre symbolisieren. "Erst sollten wir auf dem Maßband unser Alter markieren, indem wir es an der Stelle abrissen", erklärt Marthiensen, "da wurde mir schon übel. Als es dann hieß: Frauen leben statistisch gesehen nur 82 Jahre, wurde mir richtig schlecht. Mir blieben nur 31 Zentimeter, beziehungsweise 31 Jahre."

Die Entscheidung, eine Reise anzutreten, die ihr Leben verändern sollte, habe sie nach einer Begegnung mit Joey Kelly gefällt. "Naja, eigentlich noch ein bisschen später", korrigiert sich die Schriftstellerin. Kelly schenkte ihr damals sein Buch "Hysterie des Körpers". "Ehrlich gesagt ... ich wollte das Buch gar nicht lesen, ich hab es nur getan, um Joey beim nächsten Mal Rede und Antwort stehen zu können", gibt Mathiensen zu und sorgt für Lacher im Publikum. Irgendwann, nachdem sie die Hälfte des Buches gelesen hatte, habe es bei ihr "Klick" gemacht. "Ich wollte eine Reise antreten, während der ich mich selbst finden kann", so die Vortragende.

Gesagt, getan. Als ihr noch 29 Zentimeter verbleiben – laute "Ahs" aus dem Publikum, das Rätsel um den Titel des Buches ist gelöst – macht sich die damals mit beiden Beinen im Leben stehende Frau auf den Weg, ohne Geld. Ihr Ziel: Flensburg. Startpunkt der Wanderung ist das bayrische Oberstdorf. "Meine Freundin bestand darauf, dass ich meine Kreditkarte und 20 Euro Notgeld mitnehme, das war aber auch alles." Auf ihrem Weg begegnet sie vielen hilfsbereiten Menschen, arrangiert sich mit Bewohnern des Waldes – was sich anfangs recht schwierig gestaltet – und erlebt die eine oder andere Katastrophe. "Gleich in der ersten Nacht hatte ich eine unschöne Begegnung mit Nacktschnecken. Die haben sich überall breitgemacht, auch in meinem Rucksack", erinnert sich Sabine Marthiensen. Außerdem habe sie mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass ihre Füße die Wanderung nicht durchhalten. Die anschließende Dia-Show beweist es: blutgetränkte Socken und völlig kaputte Füße. Eigentlich nicht verwunderlich: "Ich habe mein Sofa geliebt und zu der Zeit noch 120 Kilogramm gewogen."

Auf ihrer Reise kommt sie auch in Bomlitz vorbei, allerdings eher unfreiwillig. "Eine Freundin arrangierte für mich einen Termin in der Massagepraxis am Dorfgemeinschaftshaus, in der auch Monika Kleiber arbeitet." Die Autorin blickt ins Publikum. Monika Kleiber sitzt zwischen den anderen Zuhörern. Sie hat die Autorin eingeladen.

Sabine Marthiensen beendet ihre Reise am 19. August 2014. Nur 33 Tage, nachdem sie losgewandert ist. 650 Kilometer sei sie zu Fuß gegangen, einige Kilometer habe sie sich auch fahren lassen. "Ich habe aber nie darum gebettelt, mitgenommen zu werden", stellt sie klar. Die Menschen, die sie auf der Reise kennen lernt, ihre "Engel", wie sie sagt, besucht sie auf einer Radtour im vergangenen Jahr erneut. "Da gab es so viele Menschen, die ich gerne wiedersehen wollte, die Tour war aber ganz anders als meine erste", gibt die Vortragende zu.

Heute, rund zwei Jahre nach ihrem Selbstversuch, hat sich für die gebürtige Lübeckerin vieles geändert. "Ich habe mein Leben komplett über den Haufen geworfen", sagt Marthiensen und lächelt. Wie genau ihr neues Leben aussieht, das verrate sie aber erst in ihrem nächsten Buch.

Das Buch „Nur 29 cm“ der Autorin Sabine Marthiensen ist im Charles-Verlag erschienen und kostet 9,90 Euro beziehungsweise 12,50 Euro bei Bestellung im Internet. Die Autorin berichtet auf 264 Seiten von ihrer Reise quer durch Deutschland zu Fuß und ohne Geld und von den Menschen, die sie kennengelernt hat. ISBN: 978-3-940387-77-6.

 

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