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Die Reiselust liegt in der Familie Worthmann

04/2018 - Hans-Heinrich Worthmann hatte schon immer Reiselust und Fernweh. Als FORUM-Vorsitzender organisierte er unter anderem gern Fahrten und Wanderungen und hatte Freude daran, Eindrücke an fremden Orten zu sammeln. Offensichtlich liegt das Reise-Gen in der Familie: Sein Sohn Merten Worthmann (Foto) ist Redakteur bei DIE ZEIT im Ressort Reise. Zum 80igsten Geburtstag seines Vaters vor vier Jahren schenkte Merten ihm eine gemeinsame Kreuzfahrt zum Nordkap. Es wurde ein wunderbares Erlebnis für beide - voller liebevoller Freundschaft zwischen Vater und Sohn.

Artikel aus DIE ZEIT vom 02.10.2014: Noch einmal an die Grenzen.

Wie fühlt es sich an, zum ersten Mal seit Kindertagen gemeinsam zu verreisen? Merten Worthmann erfüllt seinem 80-jährigen Vater einen lang gehegten Wunsch und begleitet ihn auf einer Kreuzfahrt zum Nordkap. Die Geschichte einer späten Wiederbegegnung

Wie bitte, ein Leichenwagen, auf unserem Schiff? Mein Vater und ich plaudern am zweiten Reisetag auf dem Panoramadeck der MS Vesterålen mit einem munteren Westfalen von Anfang 60. "Ja", sagt der, "gestern war’s, in Bergen, bevor wir an Bord gingen." Der Leichenwagen sei durch die Frachtluke hinein- und wenige Minuten später wieder hinausgefahren. "Na ja, kann doch alles passieren", sagt er, "hier sind ja 'ne Menge alter Leute an Bord."

In der Tat. Einer davon ist mein Vater. Im Frühjahr ist er 80 geworden, gerade hat er sich von einem Schlaganfall erholt. Und jetzt muss er sich anhören...

Aber die kleine Entgleisung lässt ihn offenbar kalt. Wichtiger scheint, dass der Westfale ein alter Skandinavien-Hase ist wie er. Und deshalb wird entschieden weitergeplaudert, über diesen und jenen Fjord vor 30 und vor 20 Jahren, über Elche in freier Wildbahn und Pfifferlingskolonien, die vom Kanu aus zu sehen sind, über endlose Wälder, dampfende Moore und großartig karge Mahlzeiten in Wanderhütten. Am Ende des beachtlichen Erinnerungsabtausches möchte ich ein "Unentschieden!" dazwischenrufen, so animiert haben die beiden einander das Wort aus dem Mund genommen.

Für mich ist Skandinavien Neuland. Ich entdecke es an meines Vaters Seite. Denn der hat zum 80. von meinen beiden Geschwistern und mir jene Tour geschenkt bekommen, von der er lange träumte, die er sich nie leisten mochte und mit der er inzwischen gar nicht mehr rechnete: die Hurtigruten-Strecke von Bergen zum Nordkap, den Klassiker. Ich begleite ihn, auch weil ich schon sehr lange nicht mehr mit ihm unterwegs war. Unsere letzte gemeinsame Reise liegt etwa 35 Jahre zurück. Da war er mein Boss, als Betreuer einer Jugendfreizeit des örtlichen Sportvereins. Jetzt haben sich die Vorzeichen verkehrt. Die Planung lag in meiner Hand, und ich fühle mich für ihn verantwortlich.

Am ersten Tag stehen wir lange an der Reling des Achterdecks, unter einem Himmel voll bedrohlich geladener Wolkenwülste und schauen hinüber zur aufgeworfenen Küste. Der frische Wind weht meinem Vater etwas von seiner alten Kernigkeit zurück in die Züge, das ist schön zu sehen. Aber was trägt er da eigentlich für eine groteske Windjacke, halb rosa, halb türkis? Eine Leihgabe meiner Mutter. Sein eigenes Modell, sagt er, sei am Packtag unauffindbar gewesen.

Auch wenn uns äußerlich nur wenig mehr als das graue Haar verbindet - das Modell Vater & Sohn sieht man uns von Weitem an. Zumindest kommt es mir so vor, seit mir selbst ein paar Vergleichsfälle aufgefallen sind. Sogar ein italienischer Drei-Generationen-Verband inklusive Frauen ist an Bord. Trotzdem bleiben Paare in der Überzahl. Wenige sind unter 40, viele reichlich über 60. Und mancher Alleinreisende scheint den ehemaligen Partner noch wie einen Schatten mit sich zu tragen.

Mein Vater entdeckt zwar die norwegische Küste neu - aber das Land ist ihm gut vertraut. Ich habe es zum ersten Mal vor Augen. Mein spontaner, etwas verklärter Eindruck: Heroisch, wie die Norweger sich in dieser schroffen Gegend festgesetzt haben. Immer wieder liegen kleine Siedlungen oder einzelne Höfe im mächtigen Grau-Grün aus Fels und Grasnarbe da wie letzte Außenposten der Zivilisation. An anderen, südlicheren Küsten dächte ich bestimmt: Muss das jetzt auch noch bebaut werden!? Hier scheint mir jedes einsame Haus von einer Heldentat zu erzählen, von harten Leben am Rande der Unwirtlichkeit. Mein Vater, eher Pfadfinder als stiller Betrachter, hat inzwischen ein paar hervorragende Norwegen-Karten aus seiner persönlichen Reserve hervorgekramt. Er staunt, wie viele Inseln und Inselchen vor der Küste herumliegen und wie viele Inseln noch vor diesen Inseln. Nun versucht er nachzuverfolgen, um welche Landbuckel das Schiff schon herum ist. Das gelingt nur näherungsweise, denn so kleinteilig, wie das Felsenpuzzle hier draußen ist, kann er die Karte einfach nicht abbilden.

Unser Schiff ist ein halber Oldtimer. Baujahr 1983, Platz für 500 Passagiere, vorgestriges Polstermobiliar, kaum Promenadendeck - ein Modell aus der Vorzeit des Kreuzfahrtbooms. Die jüngeren Hurtigruten-Schiffe bieten mehr Raum, mehr Komfort, auch etwas mehr Glanz. Viele Mitreisende haben trotzdem, ganz entschieden, die MS Westerålen gebucht. Die wirkt familiärer und hält den Geist früherer Jahrzehnte lebendig, als die "Schnelle Route" noch wichtiger war für den Post- und Frachtverkehr entlang der Küste. Mein Vater, eh kein Luxusurlauber, mag den rustikalen Charme des Bootes, ich erfreue mich am leichten Vintage-Touch. Später nordet uns der bordeigene Reiseleiter zusätzlich ein. "Sie machen hier keine Kreuzfahrt!", sagt er beim Briefing. "Es gibt weder Bingo noch Karaoke, noch Showprogramm." Dafür einen strikten Fahrplan. "Unsere Passagiere verspäten sich nicht, sie bleiben zurück." Alte Schule, klare Ansage.

Am nächsten Tag fädeln wir bei prächtigem Sonnenschein durch den engen Geirangerfjord. Versprengte Gehöfte harren neben winzigen Wiesen inmitten riesiger Felswände aus, nebenan stürzen schmale Wasserfälle in den Abgrund, dem türkisfarbenen Wasser entgegen. Wir schauen vom Deck aus rechts und links in die Höhe und immer wieder ringsum,weil das Panorama viel zu breit ist für den einen Blick. Wenig später fährt ein Bus mit uns im Zickzack in die Höhe, für den besten Draufblick, und dann weiter dem Trollstigen entgegen, einer legendären Serpentinenstrecke hinab ins Isterdal. Dort ist oben am Berg eine neue Aussichtsplattform samt Zubringerpfad aus Stahl und Glas entstanden, die dem Hang anliegt wie ein kantiges, funkelndes Designerschmuckstück, fast so aufsehenerregend wie das weite Feld aus Gipfeln und Senken und eingeflochtenen Haarnadelkurven, das sie eigentlich nur vorzeigen soll. Mein Vater erspart sich den länglichen Fußweg zur Plattform. Erspart ist nicht das richtige Wort. Er mutet ihn sich nicht mehr zu. Und ich drängle nicht. Höchstens mich selbst: Geh trotzdem - er wird das Weilchen schon warten! Das tut er, natürlich, allein auf einer Bank. Als ich zurückkomme vom Ausguck, bemühe ich mich, nicht allzu sehr zu schwärmen.

Am Abend sinken wir unter Deck im fast verwaisten Salon Westerålen auf eine rote Ledercouch und teilen uns, halb konspirativ, eine mitgebrachte Flasche Rotwein. Früher war hier laut Bordplan eine Dancing Bar. Doch die Theke ist dauerhaft verhängt, keine Bedienung verirrt sich her. Ich frage meinen Vater, das Arbeiterkind aus der Lüneburger Heide, nach seinen allerersten Reisen. 1948, mit 14, begleitete er einen Verwandten, der als Chauffeur arbeitete, im Firmenwagen nach Hannover, in die Landeshauptstadt. "Wir saßen nur im Bahnhofscafé, aber für mich war’s die große Welt."

In den Jahren darauf, während der Lehrzeit, unternahm er ein-, zweiwöchige Fahrradtouren mit Freunden, übernachtete im Zelt oder bei Bauern im Stroh. Eines der Sehnsuchtsziele war ein Nacktbadestrand an der Ostsee, den die Freunde nur aus sicherer Entfernung vom Ruderboot aus zu erspähen wagten. In der Nähe lernten sie zwei fröhliche Hamburgerinnen kennen. "Die waren durchs Ohr gebrannt", sagt mein Vater, "da hatte ich es mit Mächten zu tun, die mir überlegen waren."

Wir schauen kurz auf. Am anderen Ende der ehemaligen Dancing Bar legt sich jemand schlafen - vermutlich einer der wenigen Tagepassagiere, die die Hurtigruten noch als Linienverbindung nutzen und nur ein paar Stationen mitfahren. Mit etwas leiserer Stimme reden wir weiter. "Wenn ich daran denke", sagt mein Vater, "was junge Leute heute für Reiseziele haben... War ja alles unerreichbar für uns." Er bemühte sich immerhin und trampte mit Anfang 20 durch Großbritannien, schlief in London bei der Heilsarmee, ansonsten in Jugendherbergen. Im kalten schottischen Fort William saßen die Herbergsgäste zusammen um ein großes Lagerfeuer: "Da sangen erst die Engländer ihre Lieder, dann wir Deutschen, danach die Ungarn ... Das werde ich nie vergessen." Vor allem an Begegnungen erinnert er sich, an überraschende Momente von der Nähe in der Ferne. Die Orte: nebensächlich.

Frohgemut setzt sich mein Vater auch jetzt noch zu anderen Leuten an den Tisch. Einmal stoße ich beim Frühstück erst fünf Minuten später dazu, schon strahlt mich ein altes Ehepaar aus Arizona an: "So you're the son?" Mit dem norwegischen Paar, das abends unseren Tisch teilt (feste Sitzordnung!), bespricht mein Vater die Spezialitäten des Landes zum Teil auf Schwedisch. Das hat er knapp zehn Jahre lang an der Volkshochschule gelernt. Ich verstehe kaum ein Wort und schaue ihn fragend an, als er plötzlich ein verkniffenes Gesicht macht: "Braunkäse", sagt er, und: "Schmeckt nicht!"

Am nächsten Tag spazieren wir durch Trondheim, ganz ohne Gruppe. Wir besuchen die Nidaros-Kathedrale, Norwegens bedeutendste Kirche, einen gotisch aufstrebenden und doch düster erdverhafteten Bau, in dem die Touristenführer lange dunkelrote Roben tragen, als gehörten sie einem Geheimbund aus der Dan-Brown-Welt an. Wir schreiten die mächtigen alten Lagerhäuser aus Holz an den Ufern der Nidelva ab, Trondheims Speicherstadt, und setzen uns dann vor einem Café unter die Linden. Mein Vater zieht seine Sonnenbrille auf und lehnt sich genussvoll seufzend zurück, in Erwartung eines Cappuccino. "Für Mama wäre das nichts", sagt er dann, "mal eben durch die Stadt flitzen. Die würde auf dem Schiff bleiben und sagen: Geht ihr man!" - "Dafür treibe ich jetzt dich an." - "Und ich lass mich auch noch antreiben."

Ein-, zweimal weist er mich zwar zart darauf hin, dass er keinen Gang mehr unternehmen möchte, dessen Länge er nicht absehen kann. Aber meinen Drang, immer noch etwas mehr zu sehen, auch die nächste und übernächste Ecke noch mitzunehmen, versteht er natürlich nur zu gut. Der ist schließlich sein Erbe. Jahrzehntelang hat er nämlich selbst Leuten abverlangt, verschiedene Sehenswürdigkeiten mitzunehmen, oder das tägliche Etappenziel zu erreichen. Nach zehn Jahren als Jugendgruppenbetreuer - was meinen Eltern nebenbei den regelmäßigen Sommerurlaub mit ihren Kindern ermöglichte - schwenkte er auf Erwachsene um. Für größere Freundeskreise organisierte er ein- bis zweiwöchige Wandertouren, Radrundreisen oder Kanutouren; später besuchte er jeden Herbst mit 50 Leuten aus dem Dorf für eine Woche verschiedene deutsche Regionen, zuletzt 2012. Da war er 78, und es musste einmal Schluss sein.

Am folgenden Morgen, nach dem Passieren des Polarkreises, treffen wir an Deck zur "Polartaufe" zusammen, dem einzigen Showritual der gesamten Fahrt, einer Art Mini-Ice-Bucket-Challenge. "König Neptun", ein verkleidetes Besatzungsmitglied mit grimmiger Gummimaske, Dreizack und Krone, händigt all denjenigen ein "Polarsirkel-Sertifikat" aus, die sich eine ordentliche Kelle Eiswürfelwasser in den Nacken kippen lassen. Mein Vater, das Gruppenreisetier, ist einer der ersten Freiwilligen. Ich dagegen, der eingefleischte Individualtourist, sehe gar nicht ein, warum ich mich dem Schwall aussetzen soll. Am Ende gebe ich nur nach, damit mein Vater nicht im Familienkreis herumerzählt, die vielen Urlaube in warmen Ländern hätten mich zum Weichei gemacht. Als Neptun mir den Kragen aufzieht und drauflosschüttet, muss ich kurz schreien wie die meisten anderen. Mein Vater hat nur einmal gejapst.

Aber er ist schließlich der Skandinavier von uns beiden. Ich bin mit 16 nach Italien getrampt, als er seine erste Kanutour durch Schweden machte. Und habe später lieber Länder wie Indonesien, Syrien oder Kuba bereist als Länder, die noch kälter waren als Norddeutschland und von Weitem nicht so viel anders ausschauten. Wir sitzen mit neuen, trockenen Klamotten beim Kaffee auf dem Panoramadeck und schauen hinaus auf schütter begrünte Hügelketten, als ich ihn frage: Warum eigentlich Skandinavien? So grundsätzlich kann er keine Antwort geben. Das Wandern ins Blaue hinein, frei nach Karte; die Ungebundenheit mit dem Kanu; die Ursprünglichkeit und Weite - "und jede Zelt-Übernachtung kam mir vor wie ein Schritt zurück zur Natur". Also war Skandinavien die nächstgelegene große Freiheit? Ja, sagt er, aber zögernd, weil er seine Reisen so abstrat nicht zusammendenkt. Er biegt erneut zu den Menschen ab. "Die Skandinavier sind sehr vertrauenswürdige Leute. Bei denen fühlte ich mich immer gut aufgehoben." Und schon ist er wieder bei den Begegnungen, den unverhofften Freundschaften. Als fasziniere ihn jenseits aller Naturgewalten vor allem die Naturgewalt Verständigung. Was womöglich gut zu jemandem passt, dessen Kindheit mit dem zweiten Weltkrieg zusammenfiel.

Am Abend machen wir kurz in Svolvaer auf den Lofoten fest. Für einen ordentlichen Ausflug reicht die Zeit nicht, also besuchen wir nur eine umgerüstete Kühlhalle nahe dem Anleger, in der, umspielt von Schummerlicht und Wabersound, riesige Eisskulpturen für teures Geld zu besichtigen sind. Gemeinsam mit einer Mutter und ihrem achtjährigen Sohn erschleichen wir uns ein Familienticket. Als mein Vater und der Junge sich drinnen einem begehbaren Thron nähern, ruft die Mutter herüber: "Vorsicht, da ist's glatt!" Mein Vater sieht gleich den Jungen an und sagt: "Keine Sorge, ich pass auf dich auf." Aber der, mit einem feinen Gespür dafür, worauf seine Mutter hinauswollte, gibt zurück: "Nein, ich pass auf dich auf!"

Unter einem schon dunkelblau abgetönten, mindestens dreilagig bewölkten Sommerabendhimmel legt das Schiff bald wieder ab und gleitet an Dutzenden wild gezackter Inseln vorbei, die nur noch wie düstere Schatten im Wasser stehen. Gegen elf Uhr abends, es ist nun fast finster, bis auf eine weiße Nebelzunge über einer Inselflanke, erreichen wir den Trollfjord, eine schmale Sackgasse, an dessen Ende das Schiff gerade Platz zum Wenden findet. Doch nicht das Wendemanöver macht diesen spätabendlichen Abstecher zum Ereignis, sondern die mächtige, schrundige, seltsam unabsehbare Felswand, die wir dabei passieren und die im nächtlichen Restlicht aufragt wie das von Urkräften aus dem Stein getriebene Verkündungsfries einer untergegangenen, vormenschlichen Kultur. Eine halbe Stunde Andacht an Deck - übersinnlicher kann ein kleines Stück Schiffspassage kaum sein. Mein Vater raunt mir zu: "Nichts gegen Wandern - aber vom Wasser aus ist's doch noch mal was anderes."

Den Satz rufe ich mir später mehrmals ins Gedächnis. Er hilft gegen meine Zweifel: Haben wir Kinder unserem Vater nicht eine Reise mit garantierter Frustration aufgedrängt? Früher steckte er immer mittendrin im Land, nun muss er still sitzen und kann es lediglich an sich vorüberziehen lassen; und jeder Ausflug konfrontiert ihn mit Grenzen, die er früher nicht kannte. Aber wahrscheinlich bin nur ich der Jammerlappen. Er kennt ja seine Grenzen längst - und genießt jetzt die Chance, noch einmal im großen Stil darüber hinauszucruisen.

Beim nächsten Briefing empfiehlt der Schiffsreiseleiter einen Spaziergang durch Hammerfest, eine Stadt, die die Nazis bei ihrem Rückzug 1944 dem Erdboden gleichgemacht hatten und die nun einen beachtlichen Aufschwung erleben soll. Allerdings wird die Vesterålen Hammerfest um fünf Uhr früh erreichen und bereits 45 Minuten später wieder ablegen. Mein Vater und ich stellen einander frei, so zeitig aus dem Bett zu steigen. Es ist vor allem das Pflichtgefühl vor dem klingenden Namen und seiner Geschichte, das mich rechtzeitig auf die Matte treibt. Ein Pflichtgefühl, das ich natürlich meinem Vater verdanke: Verdammt noch mal, jetzt kommen wir schon nach Hammerfest, dann wird eben auch aufgestanden! Das wäre, in etwa, seine Generallinie gewesen. Diesmal ist er liegen geblieben. Und ich schreite allein die stille Hauptstraße voller schmuckloser Nachkriegsbauten ab, auf der um fünf Uhr beim besten Willen kein Zeichen eines Aufschwungs zu erkennen ist. Immerhin sehe ich zum ersten Mal jemand Kabeljau - statt Wäsche - auf einer Leine im Garten zum Trocknen aufgehängt hat. Zurück auf dem Schiff, schlafe ich noch zwei Stunden weiter.

Den letzten Ausflug machen mein Vater und ich wieder gemeinsam. Ein Bus trägt uns über die teppichkurz bewachsenen grünen Kuppen von Mageroya, der "mageren Insel", dem Nordkap entgegen. Weiße Rentiere tappen im halben Dutzend die Hügelflanken entlang. Die Wolken hängen so niedrig über dem Land, als wollten sie sich darauf ausruhen. Aber schließlich klart es doch noch auf, und statt in den nahen Dunst starren wir, heftigen Böen standhaltend und tränenden Auges, vom Felsplateau hinaus in die schimmernde Unendlichkeit des Meeres. Dann schnell das zwingende Foto: Vater und Sohn am Fuß des großen stählernen Globus, des bekanntesten Nordkap-Monuments. Und gleich darauf in Deckung. Denn für eine stille Meditation an dieser Klippe vor dem Nichts ist der Wind zu stark.

Als der Bus zurückschaukelt über die Hügel, träume ich von einer Wanderung entlang der Küste. Mein Vater würde mir seine Karten vermachen. Mitlaufen könnte er nicht mehr, aber vielleicht könnte ich ihm später davon berichten. Über den Buslautsprecher erzählt der örtliche Führer vom italienischen Priester Francesco Negri, der Mitte des 17. Jahrhunderts als erster "Tourist" dem Nordkap bewusst entgegengereist war. Dann gibt er, etwas gerafft und frei, die Schlüsselstelle von Negris Bericht wieder: "Hier am Ende der Welt erlischt vorläufig meine Sehnsucht nach Entdeckungen, und ich kehre zufrieden nach Hause zurück." Ein schönes Zitat für unseren letzten gemeinsamen Reisetag - nicht wahr? Aber mein Vater ist gerade eingenickt. Ob ich ihn wecken soll? Nein, jetzt lasse ich ihm seine Ruhe.

Merten Worthmann
Redakteur im Ressort Reise, DIE ZEIT

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