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Dürings Haus gefunden, aber wo war die Hütte?

04/2018 - Arno Schmidt hat in dem Kurzroman "Aus dem Leben eines Fauns" wie auch im Rest der Trilogie "Nobodaddy's Kinder" die Region Benefeld als Schauplatz seiner Handlungen genutzt. Die Ortsbezüge sind überwiegend realistisch, und nur gelegentlich schwimmt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, wenn Schmidt aus literarischen Gründen "abrundete". Auf den Spuren dieser Ortsangaben aus dem "Faun" erkundete eine Lesegruppe aus Münster die Gegend von Benefeld und Hünzingen bei ihrem zweiten Besuch beim FORUM. Das Wohnhaus der Hauptfigur Heinrich Düring war dabei leicht zu finden.

Heinrich Düring ist ein Verwaltungsangestellter beim Landkreis Fallingbostel kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Seinem Chef, den er verachtet, teilt er auf Nachfrage mit, dass er in Hünzingen wohne, und an anderer Stelle nennt er seine Hausnummer, damit man ihm ein Paket mit der Post zusenden kann. "Die Textstellen sind zwar einige Seiten voneinander entfernt, aber beim aufmerksamen Lesen registriert man den Zusammenhang", freute sich Torsten Kleiber vom FORUM. "Arno Schmidt zu lesen ist halt wie eine Schatzsuche - 'mal im topographischen Sinn, 'mal im literarischen."

Mit dem öffentlichen Hausnummernplan im Ort Hünzingen war der Rest dann einfach, und die Gruppe stand schließlich vor dem Haus, in dem die fiktive Familie Düring im "Faun" gewohnt haben soll. Das Haus passe auch von der Architektur in die Zeit, und Ortsbezüge und Entfernungen hatte der Autor akribisch genau genutzt, konnte die Gruppe belegen.

Weniger einfach war das Auffinden der (möglichen) Hütte, die Düring und seine Freundin im "Faun" nutzten für ihre Treffen. "Auch hier kann man den ersten Beschreibungen folgen, muss aber berücksichtigen, dass die Landschaft sich seit Schmidts damaliger Zeit Ende der 1940er Jahre verändert hat", erläuterte Kleiber die Besonderheiten. Die Ausläufer des Ochsenmoors seien mittlerweile trocken gelegt, und der Sturm aus dem Jahr 1972 habe einige Schneisen in Waldstücke geschlagen. "Und natürlich haben die Bebauung und die landwirtschaftliche Nutzung zugenommen."

Verblüffend sei aber, dass den Ortsangaben weit gefolgt werden könne, und man schließlich auf einer leichten Anhöhe stünde, für die alle im Text beschriebenen Sichten zu stimmen scheinen. Sogar Binsengewächse finde man auf der Wiese als Zeichen dafür, dass der Boden immer noch leicht moorig sei. Und als letztes Indiz war fast schon unheimlich: Düring findet seine Hütte, weil er verfolgt von Bremsen auf einen Baum klettert. Die FORUM-Gruppe stand bei ihrer Suche auf der Anhöhe, las und interpretierte die Wanderkarte - und wurde plötzlich umschwirrt von einem Schwarm Bremsen. 

Wenn es die Hütte von Heinrich Düring, die für Schmidt-Freunde legendär ist, jemals gegeben haben sollte, gibt es sie mittlerweile auf jeden Fall nicht mehr. Aber nachvollziehbar ist noch heute, wovon Arno Schmidt sich bei seiner Beschreibung inspirieren ließ. "Wenn man anschließend mit dem Erlebnis dieser realen Bezüge den 'Faun' noch einmal zur Hand nimmt, gibt das dem Leser eine besondere Perspektive." Dem "Meister" würde es wahrscheinlich gefallen, dass Leute für seine gelegten Spuren auch einen ungewöhnlichen Spaziergang durch den Wald in Kauf nehmen.

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