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Mein Leben?!: ein Tablett voll glitzernder Snapshots

03/2017 - Das Buch "Arno Schmidt - eine Bildbiographie" ist wohl die umfangreichste Dokumentation des Lebens von Arno Schmidt. Mit gewöhnlich eher unzugänglichen Fotos und Dokumenten aus Archiven und Sammlungen hat die Herausgeberin Fanny Esterhazy den Lebensweg von Arno Schmidt nachgezeichnet. Thorsten Neubert-Preine und Torsten Kleiber vom FORUM stellten das Buch vor, besonders das 60-seitige Kapitel über die Zeit des Autors und seiner Frau in Cordingen auf dem Mühlenhof. Neben den Quellen aus dem Buch konnten die beiden Referenten einige Zeitzeugenaussagen zur Darstellung der Zeit präsentieren.

Kinderfotos von Arno Schmidt scheinen schon früh zu zeigen, dass der ungewöhnliche Schriftsteller eine eher nachdenkliche Person sein würde: Anders als seine Mitschüler, die sich für die seltene Fotosituation eher erfreut interessierten, guckte er bereits auf Klassenfotos kritisch und fast grimmig in die Kamera. Fast wirkt dieser Blick auf Fotografien wie ein Markenzeichen.

Als er nach der Kriegsgefangenschaft zusammen mit seiner Frau Alice auf dem Mühlenhof in Benefeld untergebracht wurde, war die Lage des jungen Ehepaars ohne große Hoffnung. Die beiden hielten sich in ihrer Armut mit großer Sparsamkeit und Übersetzungstätigkeiten für die britischen Behörden über Wasser und hatten Pläne für die Zukunft. Wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage blieben diese Pläne aber nur Wunschträume.

Dennoch entschied sich Arno Schmidt in Benefeld mit großem Selbstbewusstsein, fortan als Schriftsteller zu arbeiten. Seine erste Erzählung "Leviathan" entstand dann auch auf dem Mühlenhof und wurde von Ernst Rowohlt veröffentlicht. Der Verleger bat seinerzeit Hermann Hesse um eine Empfehlung für das Erstlingswerk des "Newcomers", der das generell selten tat, dann aber lobende Worte für den jungen Kollegen fand: "Dieser junge schnoddrige und sehr begabte Dichter (...) ist ein etwas gefährdeter und möglicherweise nicht ungefährlicher aber echter Visionär." Arno Schmidt war Hesses Empfehlung wohl nicht lobend genug und antwortete beleidigt und beleidigend unter anderem: Hesse sei "ein begabter Dichter; reich und faltig", und seine Stimme habe "keinen großen Umfang" und enthalte "nur wenige Töne". Hesse teilte anschließend Rowohlt mit, dass er "so bald nicht wieder einem aus dieser Generation die Hand geben" würde.

Unabhängig von diesen menschlichen Konfrontationen und Episoden ist Schmidts Bedeutung in der deutschen Nachkriegsliteratur unbestritten. Und so warben die beiden FORUM-Referenten, sich Erzählungen und Novellen wieder einmal zur Hand zu nehmen und Arno Schmidt selbst zu lesen. "Man braucht einen Moment, um sich einzulesen. Aber dann ist es ein expressionistisches Spracherlebnis, das gerade mit unserer Region als häufigem Handlungshintergrund besonders interessant ist." Für Schmidt-Fans sei zusätzlich die Bildbiographie von Fanny Esterhazy ein ergiebige Ergänzung.

 

Das Bild zeigt das zerfallene Gutshaus des Cordinger Mühlenhofs, in dem Arno und Alice Schmidt von 1946 bis 1950 gelebt haben. Eines ihrer beiden Fenster ist rechts unten zu sehen.

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