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Die EIBIA in Liebenau soll Gedenkstätte bekommen

09/2018 - Der EIBIA-Standort Liebenau wurde im Gegensatz zum Standort Bomlitz nicht gesprengt. Die britische Armee lagerte dort nach Kriegsende deutsche Munition, um sie Schritt für Schritt zu zerstören. Das FORUM besichtigte das Gelände und wurde von Martin Guse vom dortigen Geschichtsverein durch weite Teile der ehemaligen Pulverfabrik geführt. Guse konnte dabei von vielen Lebensläufen von Zwangsarbeitern berichten, die zur Arbeit in der EIBIA verschleppt wurden und dort zu Tode kamen. Eine Gedenkstätte ist dort geplant, wo damals die Gestapo Hannover ein "Arbeitserziehungslager" betrieb.

Das 12 qkm große Gelände ist nach einem Eigentümerwechsel jetzt in zusätzlichen Teilen für Führungen freigegeben. Und so konnte Martin Guse die Bomlitzer Gruppe unter anderem durch ein Labyrinth von E-Karren-Kanälen leiten und ehemalige Produktionsbereiche zeigen, die vor einem Jahr noch gesperrt waren. Guse beschrieb die Produktionsschritte, aber vor allem erläuterte er die Zeugenaussagen von früheren Zwangsarbeiter/innen, die von ihren Erlebnissen berichtet hatten und deren Aussagen durch weitere Dokumente belegt sind.

So zum Beispiel der ehemalige ukrainische Zwangsarbeiter Iwan Dudar, der die Dokumentationsstelle vor einigen Jahren mehrfach besucht hatte, gemeinsam mit seinen Kindern und Enkeln. Dudar arbeitete im Nitrierhaus der EIBIA Liebenau und füllte eines Tages Säure in einen Behälter um. Ein belgischer Zwangsarbeiter hatte diesen zuvor fälschlicherweise als leer markiert, so dass bei der  Betankung die Säure aus dem vollen Container herausspritzte und Dudars Hände und Füsse verätzte. In der Pulverfabrik sollte er nicht mehr arbeiten, weil seine Arbeitskraft nicht vollständig wiederhergestellt werden konnte. Das Arbeitsamt Nienburg meldete ihn zum landwirtschaftlichen Zwangseinsatz auf einem Bauernhof im benachbarten Dorf Wellie. Das dortige Ehepaar – vier Kinder waren als Soldaten oder Krankenschwester im Kriegseinsatz - nahm den ukrainischen Zwangsarbeiter auf und behandelte ihn wie ein Familienmitglied, freundlich zugewandt bei guter Verpflegung. Anders als rund 2.000 andere Zwangsarbeiter/innen überlebte er die EIBIA Liebenau.

Als Iwan Dudar Liebenau im hohen Alter wieder besuchte, wollte er als erstes zu den Gräbern seiner damaligen Retter. Schließlich erzählte er vor dem ehemaligen Nitrierhaus seine Geschichte. Für seine Familie war dies neu: Er hatte vorher nie über seine Erlebnisse aus der Vergangenheit gesprochen.

Die Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau und das FORUM werden ihre Zusammenarbeit vertiefen. Für beide ist es Ziel, die Geschichte des größten Konzerns zur Pulverproduktion im Dritten Reich weiter zu dokumentieren und an die damaligen Geschehnisse zu erinnern.

 

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