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Respekt ist das, was den Verfolgten am meisten fehlt

06/2018 - Die Journalistin Nina Schulz und die Fotografin Mena Urbitsch haben mit ihrem Buch "Spiel auf Zeit" eine wichtige Dokumentation erarbeitet. Es geht um die Verfolgten des Naziregimes, Überlebende von Massakern, Opfer von Zwangssterilisationen, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter, und die Praxis, wie Deutschland sie für ihre verlorene Lebenszeit und ihre Leiden bisher entschädigt hat. Das FORUM hatte die beiden Hamburgerinnen um eine Vorstellung ihres Buchs gebeten, um mehr zu einem Thema zu erfahren, das auch relevant ist für die Bomlitzer Geschichte.

Bekannt war immer, dass es schwierig werden würde mit der Erinnerungskultur zur Nazivergangenheit, sobald die überlebenden Opfer nach und nach nicht mehr persönlich von ihrem Leid berichten könnten. Schulz und Urbitsch haben mit ihrem Buch einen Weg gefunden, den Opfern dauerhaft eine Stimme zu geben. Journalistisch sorgfältig und mit großer Sensibilität haben die beiden viele Betroffene besucht, behutsam Interviews geführt und sich dafür viel Zeit genommen. Dabei konnten sie ihre Gesprächspartner dazu bringen, von ihren Erlebnissen zu berichten, die sie vorher zum Teil noch nicht in dieser Ausführlichkeit erzählt hatten. Die Dokumentationen wurden eindringlich und bedrückend, blieben aber dennoch sachlich.

Schulz und Urbitsch untersuchten auch die Praxis der Entschädigungen, die die Opfer in mittlerweile mehr als siebzig Jahren vom deutschen Staat erhielten bzw. nicht erhielten. Das Ergebnis beschämte: In den ersten beiden Jahrzehnten nach Kriegsende waren in den zuständigen Ministerien für Inneres und Justiz noch viele derselben Beamten für Entschädigungsregelungen zuständig, die auch während der Nazizeit das Unrecht verursachten oder dabei geholfen hatten. Später wurden die getroffenen Gesetze angewandt, in denen Verfolgung durch den NS-Staat so eng definiert war, dass nach dieser Rechtslage die meisten Fälle nicht zu einem Anspruch führten. Und formal wurde es für Opfer demütigend schwierig gemacht, ihre Leidenszeit zu belegen.

Schließlich wurde im Jahr 2000 die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" gegründet, in die Unternehmen der deutschen Wirtschaft und die Bundesrepublik das Gründungskapital aufbrachten. Fast 1,7 Millionen ehemalige Zwangsarbeitende wurden von der Stiftung mit insgesamt 4,4 Milliarden EUR entschädigt, bis 2007 die Auszahlungen als abgeschlossen betrachtet wurden. "Dabei hat die Mehrheit der mehr als 20 Millionen NS-Verfolgten nie eine Entschädigung erhalten. Die Realität rüttelt am Bild einer Bundesrepublik, deren Entschädigung für die Opfer von Kriegsverbrechen und Verfolgung weltweit als Modell gilt. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich dieses Modell eher als Mythos", fasste Nina Schulz zusammen.

Auch in Bomlitz gab es bei der Pulverfabrik EIBIA Tausende von Zwangsarbeitern. "Würden Opfer entschädigt, würden sich Kriege nicht mehr lohnen", sagt Argyris Sfountouris, Überlebender des SS-Massakers im griechischen Distomo. "Nach rund 75 Jahren sind die letzten Überlebenden hochbetagt", erläuterte Torsten Kleiber vom FORUM. "Das 'Spiel auf Zeit' kann man mittlerweile nicht mehr gewinnen." Verpflichtung sei aber, ausstehende Entschädigungsforderungen zu erfüllen und die Erinnerung an die unterschiedlichen Aspekte der begangenen Verbrechen zu erhalten und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Das sei ein wichtiger Beitrag zum verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte und dazu, den Opfern in Würde zu begegnen.

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