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EIBIA-Führungen gehen jahrelange Recherchen voraus

06/2020 - Unter Corona-Hygienebedingungen konnte das FORUM endlich wieder eine EIBIA-Führung anbieten. Die zulässige Teilnehmerzahl war bei der Anmeldung schnell erreicht, so dass bald wegen des großen Interesses bereits die nächste Führung angeboten wird. Historiker Thorsten Neubert-Preine erläuterte die Hintergründe und Entstehung der damals größten Pulverfabrik im Dritten Reich, die mit ihren drei Standorten Benefeld, Liebenau und Dörverden im Zweiten Weltkrieg mehr als 20 % des Pulverbedarfs der Wehrmacht abdeckte. Der Referent kann dabei auf vielfältige Informationen zurückgreifen, die er in vielen Jahren Arbeit durch Recherche zusammengetragen hat.

Für diese Recherche gibt es immer wieder neue Möglichkeiten, mittlerweile auch im Internet fündig zu werden. Zum Beispiel hat der ehemalige Internationale Suchdienst in Arolsen, heute "International Center on Nazi Persecution", Schritt für Schritt seine Bestände in Online-Archiven zur Verfügung gestellt. So kann darin nach Familienangehörigen oder historischen Zusammenhängen geforscht werden. Die "Arolsen Archives" gehören damit zu den weltweit großen Einrichtungen zur Aufarbeitung der Verbrechen des Nazi-Regimes.

Wer nach dem Stichwort "Bomlitz" sucht, bekommt eine ganze Reihe von Dokumenten-Scans, die mit den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern zu tun haben, die seinerzeit in der EIBIA arbeiten mussten. Unter anderem findet man Fragebögen, die von den ehemaligen Häftlingen des KZ-Außenlagers Sandberg 1950 ausgefüllt wurden. Etwa 600 polnische Jüdinnen kamen am 3. September 1944 aus dem Vernichtungslager Auschwitz nach Benefeld und wurden anfangs in der EIBIA und später bei Gleisbauarbeiten eingesetzt. In den Fragebögen werden die Haftbedingungen und die Arbeit beschrieben, zu der sie in den sechs Wochen ihrer Lagerhaft in Benefeld gezwungen wurden.

Heute steht ein Wohngebiet auf dem Gelände, und es sind keine sichtbaren Relikte mehr zu finden. Mit den Antworten in den Fragebögen wird aber klar: Das Lager folgte den üblichen Regeln der Nazis, nach denen KZ's organisiert waren. Nach den Aussagen war das Sandberg-Lager in Benefeld mit "elektrisch geladenem Stacheldraht" umzäunt. Die Häftlinge trugen die gestreifte KZ-Kleidung mit aufgenähten Häftlingsnummern. Sie wurde ihnen in Benefeld neu ausgehändigt. Bewacht wurden sie von SS-Frauen und -Männern. "Als Verpflegung erhielten wir täglich für fünf Frauen ein Brot und außerdem einmal täglich Suppe (Kartoffeln, Karotten und Kraut). Die Suppe bestand größtenteils aus Wasser", schrieb eine ehemalige Gefangene. "Die Behandlung war dem KZ entsprechend", berichtete sie weiter, ihr Tag bestand aus 18 Stunden "schwerer Männerarbeit" in Tag- und Nachtschicht. 

Allerdings gab es in den Aussagen auch Hinweise, dass es in Benefeld Unterschiede gab, die sich von dem reichsüblichen KZ-Alltag abhoben. So sei nach Aussage einer Zeugin in den fünf Wochen nur eine Frau gestorben. Und als bei einer Explosion "16 Mädchen verbrüht" wurden, hätten diese eine sehr gute Behandlung bekommen. Wichtig war ebenfalls, dass das Lager neu eingerichtet war, als die 600 Frauen es bezogen, und die Leitung auch einen zivilen Teil neben der SS hatte: "Leiter des Lagers (...) war nicht schlecht zu den Gefangenen. Kommandoführerin war schlecht, ließ wieder alle Haare schneiden." Auch aus Zeugenaussagen von Einheimischen sind ähnliche Beschreibungen über die berüchtigten SS-Frauen der Wachmannschaft bekannt.

Nach und nach wird man weiter recherchieren können, um immer mehr Teile des Mosaiks zusammenzusetzen. Thorsten Neubert-Preine wird als Historiker bei Dokumenten und Informationen für die Einordnung in das Gesamtbild sorgen und sie für die Öffentlichkeit aufarbeiten. Das Wissen über die Vergangenheit soll so möglichst verbreitet werden.

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